Stell dir vor, du lebst in einem Land, das zu über 90 Prozent aus Wüste besteht, wo Regen eine Seltenheit ist und die Sonne das wenige Wasser sofort verdunsten lässt. Wir alle wissen, wie kostbar Süßwasser ist, doch seine Verteilung auf unserem Planeten ist leider alles andere als gerecht. Für viele Länder ist Wassermangel eine der größten Herausforderungen. Genau dieser Problematik stellte sich Muammar al-Gaddafi in Libyen mit einem der ambitioniertesten Ingenieurprojekte der Geschichte: dem sogenannten „Great Man-Made River“ Projekt oder zu Deutsch: dem Großen Künstlichen Fluss. Wir schauen uns heute dieses unfassbare Unterfangen genauer an.
Libyen: Ein Land, das vom extremen Wassermangel gezeichnet ist
Libyen ist ein Land der Extreme. Über 90 Prozent der Landesfläche sind Wüste, und das bedeutet, dass Regen eine absolute Ausnahme darstellt. Mancherorts regnet es nur alle fünf bis zehn Jahre! Bei hohen Temperaturen verdunstet die geringe Luftfeuchtigkeit zudem rasend schnell. Dieser extreme Wassermangel hatte natürlich massive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen und die Entwicklung des ganzen Landes. Es war ein ständiger Kampf gegen die Trockenheit.
Das „Numbi-Becken“: Eine unterirdische Süßwasserrevolution
Doch manchmal hält die Wüste unglaubliche Geheimnisse bereit. Mitte des 20. Jahrhunderts suchten die Libyer in der Sahara nach Öl – und fanden etwas, das für sie mindestens genauso wertvoll war: eine der größten Süßwasserreserven der Welt. Im Osten der Sahara, in einem Gebiet, das heute als „Numbi-Becken“ bekannt ist, entdeckten sie einen gigantischen unterirdischen Wasserspeicher. Dieser Schatz, der sich über mehr als zwei Millionen Quadratkilometer und die Grenzen von vier nordafrikanischen Ländern erstreckt, birgt Tausende von Kubikkilometern Wasser. Eine Entdeckung, die einfach atemberaubend war und die Hoffnung auf eine grüne Zukunft weckte.
Der „Große Künstliche Fluss“: Ein Mammutprojekt entsteht
Die Idee, dieses Wasser an die Oberfläche zu bringen, wurde bereits in den 1960er-Jahren diskutiert, aber erst in den frühen 1980er-Jahren erhielt das gigantische Projekt grünes Licht. Und wer sonst als Muammar al-Gaddafi, der 1969 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war und Libyen zu einem Staat des Wandels formte, sollte es vorantreiben? Seine Vision war klar: Das gefundene Süßwasser aus der Tiefe in die bevölkerten Küstenregionen des Landes zu leiten und die Landwirtschaft zu revolutionieren. Die Berechnungen waren fantastisch: Wenn jährlich 1,5 Milliarden Kubikmeter Wasser entnommen würden, würde dieser Vorrat für die gesamte Bevölkerung im Norden mindestens 4.800 Jahre lang reichen!
Das Projekt war in fünf Phasen unterteilt. Allein die erste Phase war ein Meisterwerk der Ingenieurskunst: Es wurde eine Fabrik gebaut, die gigantische, 80 Tonnen schwere Rohre mit einem Durchmesser von vier Metern produzierte. Über eine halbe Million solcher Rohre wurden insgesamt hergestellt, zusammen mit vielen Aquädukten. Firmen aus Deutschland, Japan und den USA waren beteiligt, aber es waren vor allem südkoreanische Spezialisten, die den wichtigsten Anteil leisteten. Für den Transport dieser schweren Betonriesen wurden Hightech-Straßen gebaut. Und dann die Verlegung: Über 1.200 Kilometer Wasserleitungen wurden bis zu sechs Meter tief vergraben, wofür rund 85 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden mussten. Die Kosten für diese erste Etappe beliefen sich auf fünf Milliarden US-Dollar – wohlgemerkt in den 1980er-Jahren!
Phase zwei, die 1989 begann, hatte zum Ziel, das Wasser bis in die Hauptstadt Tripolis zu bringen, wo es dann täglich eine Million Kubikmeter Wasser für die Stadt und ihre Umgebung liefern sollte. Die dritte Phase sollte Bengasi mit den Anlagen der Koufra-Oase verbinden und ein Netzwerk mit den Städten Tobruk und Syrte knüpfen. Insgesamt wurden fast 1.300 Brunnen gebohrt, viele davon über 500 Meter tief. Bis 2011 waren die meisten Anlagen betriebsbereit, und über 3.000 Kilometer Wasserleitungen transportierten bereits Wasser aus vier großen südlichen Reservoirs in die bevölkerten Regionen im Norden. Kurz vor dem Bürgerkrieg 2011 waren drei der fünf Phasen abgeschlossen, und der Große Künstliche Fluss lieferte bereits 6,5 Millionen Kubikmeter Süßwasser pro Tag an Städte und Gemeinden, wodurch 8,5 Millionen Menschen versorgt wurden.
Dieses Wasser war nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Landwirtschaft lebensrettend. Rund 70 Prozent des Wassers wurden für die Bewässerung verwendet, was die Entwicklung großer Farmen für Weizen, Gerste, Gemüse und Zitrusfrüchte ermöglichte. Das Hauptziel war, die Abhängigkeit von importierten Agrarprodukten zu beenden. Ein weiterer unschätzbarer Vorteil: Das Projekt stoppte die Wüstenbildung im Norden und Westen des Landes und förderte stattdessen die Ausbreitung grüner Flächen.
Ein Finanzierungswunder und Guinness-Rekord
Man mag es kaum glauben, aber dieses gigantische Projekt wurde ausschließlich aus libyschen Mitteln finanziert. Keine Kredite von außen! Die Finanzierung erfolgte über Steuern auf Tabakwaren und Treibstoff sowie einen Teil der Öleinnahmen. Dies war sicherlich ein Punkt, der nicht jedem internationalen Akteur gefallen hat. Doch der Nutzen für das Land war immens.
Der Erfolg des Projekts war so überwältigend, dass der Große Künstliche Fluss im Jahr 2008 in das Guinness-Buch der Rekorde als das größte Bewässerungssystem der Welt aufgenommen wurde. Auch wenn die westlichen Medien über dieses Vorhaben oft schweigen, sind die Ausmaße und die Errungenschaften kaum zu übertreffen. Nur ein paar Beispiele, um sich die Dimensionen vorzustellen: Für die Produktion der Rohre wurden so viele Metalldrähte benötigt, dass sie die Erde 230-mal umrunden könnten. Die Menge an Stein und Sand, die verbaut wurde, hätte gereicht, um 16 Pyramiden von Gizeh zu bauen. Und der verwendete Zement hätte für eine Autobahn von Tripolis bis zum russischen Sankt Petersburg gereicht. Die Libyer, oft als Wüstenbeduinen unterschätzt, haben mit diesem Wunderwerk der Technik tausende Hektar Land bewässert und das Schicksal der Wüstenregionen radikal verändert.
Das tragische Ende: Bürgerkrieg und Rückkehr der Wüste
Leider kam im Jahr 2011 der libysche Bürgerkrieg und stoppte das Projekt jäh. Heute haben Bewässerungssysteme im Land keine Priorität mehr, das Thema wird kaum noch angesprochen. Tragischerweise wurden im Bürgerkrieg auch Teile der Infrastruktur beschädigt, die Angreifer und ihre Motive sind oft unklar. In den letzten Jahren füllen Berichte über Trinkwasserknappheit die libyschen Zeitungen. Das Problem wird sogar von verschiedenen politischen Kräften im Kampf um Einfluss missbraucht – Leidtragende sind natürlich die einfachen Bürger.
Da Pumpstationen nicht gewartet werden und es immer wieder zu bewaffneten Angriffen kommt, zerfällt die Infrastruktur des Großen Künstlichen Flusses zusehends. Eine schützende Autorität ist nicht in Sicht. In Tripolis und Bengasi hat die Wasserknappheit mittlerweile ein kritisches Ausmaß erreicht. Und das wohl traurigste Ergebnis: Die Wüstenbildung hat wieder eingesetzt.
Experten sind sich einig: Wäre das Projekt ohne Unterbrechung vollständig umgesetzt worden, wäre Nordafrika heute die Kornkammer der Welt. Hätte es den „Arabischen Frühling“ und die Revolution im Namen der Freiheit nicht gegeben, hätte Libyen eine ganz andere Revolution erlebt: eine Grüne Revolution. Ein wahres Wunderwasserprojekt, das nicht nur Libyens, sondern weite Teile Afrikas‘ Ernährungsprobleme gelöst und dem Land eine stabile, unabhängige Wirtschaft garantiert hätte. Was wohl gewesen wäre…?
Häufig gestellte Fragen
Was war das „Great Man-Made River“ Projekt?
Das „Great Man-Made River“ Projekt, auch bekannt als der Große Künstliche Fluss, war ein gigantisches Ingenieurprojekt in Libyen, initiiert von Muammar al-Gaddafi. Sein Ziel war es, Süßwasser aus riesigen unterirdischen Reserven der Sahara in die bevölkerten Küstenregionen des Landes zu transportieren und die Landwirtschaft zu revolutionieren.
Woher kam das Wasser für den „Großen Künstlichen Fluss“?
Das Wasser für das Projekt stammte aus dem sogenannten „Numbi-Becken“ unter der Sahara. Dieses Becken ist eine der größten unterirdischen Süßwasserreserven der Welt, die Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde und Tausende von Kubikkilometern Wasser enthält.
Wie wurde das Projekt finanziert?
Das „Great Man-Made River“ Projekt wurde vollständig aus libyschen Eigenmitteln finanziert. Die Finanzierung erfolgte durch Steuereinnahmen auf Tabakwaren und Treibstoff sowie durch einen Teil der Erdöleinnahmen des Landes, ohne die Aufnahme externer Kredite.

