Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der es absolut an nichts fehlt. Unbegrenzt Essen, unbegrenzt Wasser, keine Krankheiten, keine Gefahren, perfekte Temperatur, immer sauber. Ein wahres Paradies. Klingt traumhaft, oder? Was wäre, wenn ich dir sage, dass genau so eine Welt zum vollständigen Untergang einer Population führte – und das in nur fünf Jahren? Genau das zeigte das berüchtigte Universum 25 Experiment, eines der beunruhigendsten Experimente zur Gesellschaftsforschung, das je durchgeführt wurde.
John Calhouns „Universum 25“-Experiment schuf ein Mäuse-Paradies mit unbegrenzten Ressourcen und ohne Bedrohungen.
1968 begann der amerikanische Wissenschaftler John Calhoun mit seinem ambitionierten Projekt. Er wollte die ultimative Frage beantworten: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn das Leben keinerlei Herausforderungen mehr birgt? Calhoun, ein Verhaltensforscher, hatte dieses Muster bereits in 24 früheren Experimenten beobachtet.
Für Universum 25 baute er ein scheinbar makelloses Mäuse Paradies: Ein großes Gehege mit unzähligen „Wohnungen“, die über Gittertunnel erreichbar waren. Überall gab es weiches Nistmaterial. Futterspender und Wasserflaschen liefen nie leer. Krankheiten oder Raubtiere gab es nicht. Es war ein perfekter Ort für Mäuse, entworfen für bis zu 3.800 Tiere.
Am ersten Tag wurden acht gesunde Mäuse – vier Männchen, vier Weibchen – hineingesetzt. Die ersten 104 Tage verliefen ruhig. Die Mäuse erkundeten, richteten sich ein. Dann kamen die ersten Würfe.
Trotz idealer Bedingungen führte der Überfluss und das Fehlen von Herausforderungen zu sozialem Verfall, Gewalt, Apathie und schließlich zum Aussterben der gesamten Mäusekolonie.
Die Bevölkerung wuchs exponentiell und verdoppelte sich alle 55 Tage. Bereits an Tag 315 lebten über 600 Tiere in dem Gehege. Und hier begannen die Probleme. In einer normalen Mäusekolonie würden überzählige Mäuse abwandern und sich ein neues Zuhause suchen. Doch in Universum 25 gab es keinen Ausweg.
Junge Männchen, die keinen Platz in der sozialen Hierarchie finden konnten, begannen, antriebslos im Zentrum des Geheges herumzusitzen. Sie hatten nichts zu verteidigen, niemanden zu umwerben, keine Kämpfe zu gewinnen. Sie waren gesund und wohlgenährt, aber absolut untätig. Wenn sie angegriffen wurden, wehrten sie sich nicht. Sie ließen es einfach geschehen. Parallel dazu entstand eine andere Gruppe: extrem aggressive und hyperaktive Männchen, die sich rücksichtslos in Nester drängten und jegliche soziale Rituale missachteten. Das war der Anfang der sozialen Dekadenz.
Phänomene wie die „Verhaltenssenke“ und „die Schönen“ verdeutlichten den Zusammenbruch.
Ein besonders seltsames Phänomen, das Calhoun beobachtete, war die „Verhaltenssenke“. Obwohl es überall im Gehege genug Futter gab, drängten sich die Mäuse zwanghaft um nur wenige Futterstellen. Die Anwesenheit anderer Mäuse war für ihren Futterinstinkt so wichtig geworden, dass ein leerer Futterspender, selbst wenn das Futter daneben lag, für sie nutzlos war. Die Überfüllung an diesen wenigen Stellen wurde immer schlimmer, während andere Bereiche unberührt blieben.
Auch bei den Müttern begann ein dunkler Verfall. Das Verteidigen eines Nestes war eine ständige Belastung. Erschöpfte Männchen gaben ihre Rolle als Beschützer auf. Mütter, die ihre Jungen säugten, mussten die Nester selbst verteidigen. Viele verließen ihre Jungen, vergaßen sie oder erkannten sie nicht mehr als ihre eigenen. In den schlimmsten Fällen begannen Mütter, ihren eigenen Nachwuchs zu fressen. Weniger als eines von zwanzig Neugeborenen überlebte bis zur Entwöhnung. Calhoun schrieb später, dass das soziale Gefüge der Kolonie zu diesem Zeitpunkt „effektiv tot“ war.
Die wenigen überlebenden Jungen wuchsen ohne Vorbilder auf. Als sie erwachsen wurden, entwickelten sie sich zu den sogenannten „Schönen“. Diese Männchen kämpften nie, paarten sich nie und beteiligten sich an keinerlei sozialen Aktivitäten. Sie aßen, schliefen und pflegten obsessiv ihr Fell. Äußerlich waren sie die gesündesten Mäuse der gesamten Kolonie, doch funktional waren sie tot. Ihr Nervensystem hatte sich in einer Welt entwickelt, in der jede sinnvolle Rolle bereits besetzt war. Sie hatten sich einfach aus der Spezies „ausgeklinkt“.
Die eigentliche Todesursache war nicht Überbevölkerung oder Knappheit, sondern das Verschwinden sinnvoller sozialer Rollen und die daraus resultierende Sinnlosigkeit.
An Tag 560 erreichte die Population ihren Höhepunkt mit 2.200 Mäusen. Sie stieg nie höher. Die letzte erfolgreiche Empfängnis in Universum 25 fand an Tag 920 statt. Danach wurden keine neuen Mäuse mehr geboren. Die Kolonie alterte. Die Schönen pflegten sich weiter, die zurückgezogenen Weibchen blieben in ihren oberen Wohnungen. Gewalttätigkeiten brachen sporadisch aus, aber ohne erkennbaren Zweck. Nach und nach starben die Mäuse eines natürlichen Todes, ohne dass neue nachkamen. Am 23. Mai 1973, vier Jahre und zehn Monate nach Beginn des Experiments, starb die letzte Maus in Universum 25.
John Calhoun schrieb, dass die Mäuse zweierlei Tode gestorben seien: Zuerst starb der Geist, dann der Körper. Der erste Tod ereignete sich Jahre vor dem zweiten. Die gängige Interpretation war damals: Komfort tötet, Überfluss tötet. Doch Calhouns eigene Schlussfolgerung war nuancierter: Für ein so komplexes Wesen wie den Menschen sei ein ähnlicher Kollaps nicht nur möglich, sondern logisch, wenn die Zahl der Individuen, die sinnvolle Rollen ausfüllen könnten, die Anzahl der verfügbaren Rollen stark übersteigt. Die Sinnlosigkeit mangels echter Aufgaben war die wahre Todesursache.
Calhoun betonte die menschliche Fähigkeit, durch die Schaffung neuer „konzeptueller Räume“ und sinnvoller Rollen einen ähnlichen Kollaps zu verhindern.
Calhoun war übrigens kein Pessimist. Den Rest seiner Karriere widmete er nicht der Vorhersage des Zusammenbruchs, sondern der Frage, wie man ihn verhindern kann. Er baute weitere Universen, veränderte Variablen, auf der Suche nach dem einen Element, das ein Paradies funktionsfähig halten würde. Er war überzeugt, dass es möglich ist, und dass Menschen eine andere Wahl treffen können als die Mäuse.
Er schrieb, dass wir, wenn der physische Raum schrumpft, uns in konzeptuelle Räume ausdehnen müssen – in Ideen, in Netzwerke, in die Schaffung von Rollen, die es vorher nicht gab. Er nannte es „ideational generativity“: immer neue Gründe zu schaffen, hier zu sein. Die Mäuse hatten keine Wahl. Wir haben sie noch. Was als Nächstes passiert, liegt an uns.
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Häufig gestellte Fragen
F: Was war das Hauptziel des Universum 25 Experiments?
A: Das Experiment von John Calhoun sollte untersuchen, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn sie in einer Umgebung mit unbegrenzten Ressourcen und ohne jegliche Bedrohungen lebt und wie das Fehlen von Herausforderungen und sinnvollen Rollen das soziale Gefüge beeinflusst.
F: Was waren die „Schönen“ in diesem Experiment?
A: Die „Schönen“ waren eine Generation von männlichen Mäusen, die aus dem Mäuse Paradies hervorgingen. Sie zeigten keinerlei soziale Interaktion, kämpften oder paarten sich nicht, sondern pflegten lediglich obsessiv ihr Fell. Sie waren äußerlich gesund, aber funktional „tot“, da sie keine Rolle in der Gesellschaft fanden.
F: Welche Lehre zog John Calhoun aus dem Experiment für die menschliche Gesellschaft?
A: Calhoun warnte davor, dass ein ähnlicher Kollaps in menschlichen Gesellschaften möglich wäre, wenn die Zahl der Menschen, die sinnvolle Rollen ausfüllen könnten, die Anzahl der verfügbaren Rollen übersteigt. Er glaubte jedoch, dass Menschen durch die Schaffung neuer „konzeptueller Räume“, Ideen und Rollen einen solchen Zusammenbruch verhindern können.

