Was haben der erste iPod, die Rechner-App auf Ihrem iPhone und Ihr alter Braun Rasierer gemeinsam? Es ist eine faszinierende Geschichte, die tiefer geht, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Es ist die Geschichte von Braun Design, einer Philosophie, die die Welt des Industriedesigns, wie wir sie heute kennen, maßgeblich prägte und bis heute ikonische Marken wie Apple inspiriert.
Für rund 40 Jahre, von Mitte der 1950er bis Mitte der 1990er Jahre, schuf eine kleine Designabteilung in diesem deutschen Konsumelektronikunternehmen über 500 Objekte, die unsere Welt auf unerwartete Weise formten. Viele davon waren nicht berühmt, sondern fanden ihren Weg in Millionen Haushalte in Europa und Nordamerika. Doch einige von ihnen wurden zu stillen Vorlagen für fast jedes Konsumelektronikprodukt, das im halben Jahrhundert danach entworfen wurde.
Die klaren Linien, das weiße Plastik, die abgerundeten Ecken, die reduzierte Farbpalette und die Überzeugung, dass ein Gerät auf dem Schreibtisch oder in der Hosentasche mit der Ernsthaftigkeit eines architektonischen Werks entworfen werden sollte – all das lässt sich direkt auf eine einzige Firma und eine einzige Designabteilung zurückführen: Braun.
Braun setzte mit seiner Designabteilung von den 1950ern bis in die 1990er Jahre neue Maßstäbe im Konsumelektronik-Design.
Die Geschichte von Braun beginnt bescheiden. Max Braun, 1890 geboren, gründete 1921 in Frankfurt am Main eine kleine Werkstatt für Feinmechanik. Sein erstes Produkt war der „Trump“, ein Gerät zur Reparatur von Transmissionsriemen. Doch schon bald erkannte Braun das Potenzial des aufkommenden Radiomarktes. Bis 1929 fertigte das Unternehmen komplette Radiosätze, die trotz des Wall-Street-Crashs von 1929 reißenden Absatz fanden.
1950, nach der Zerstörung der Fabriken im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau, brachte Braun zwei Produkte auf den Markt, die das Unternehmen für die nächsten Jahrzehnte prägen sollten: den Küchenmixer Multimix und den S50, den ersten Braun Elektrorasierer. Diese schufen die Kernbereiche Küchengeräte und Körperpflege, die den kommerziellen Erfolg sicherten.
Die Söhne von Max Braun, Artur und Erwin, übernahmen das Geschäft. Erwin empfand das Design der frühen 1950er Jahre – große Radios mit verschnörkelten Holzschränken – zunehmend als unpassend. Er suchte nach einer Designphilosophie, die über bloße Ästhetik hinausging und eine moralische Ernsthaftigkeit widerspiegelte.
Dieter Rams und die Hochschule für Gestaltung Ulm waren entscheidend für die Entwicklung der prägnanten und funktionalen Braun-Designsprache.
1954 stellte Erwin Braun Fritz Eichler ein, einen Theaterregisseur mit kunsthistorischem Doktortitel. Eichler brachte Braun mit der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm) in Kontakt, die 1953 von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill gegründet worden war. Die HfG Ulm verstand sich als Nachfolger des Bauhauses, doch mit einem klaren Bruch: Design sollte keine Spielwiese für Künstlergenies sein, sondern eine Disziplin der sozialen Verantwortung.
Dort wurde systemisches Denken gelehrt und die Bedeutung der Gestaltung eines stimmigen Systems von Produkten betont. Hans Gugelot, der Leiter der Produktgestaltung, und Otl Aicher, verantwortlich für visuelle Kommunikation, prägten diese Denkweise.
Die Partnerschaft zwischen Braun und der HfG Ulm war revolutionär. Auf der Düsseldorfer Funkausstellung 1955 präsentierte Braun anstelle der üblichen holzvertäfelten Konsolen weiße und graue, rechteckige Boxen mit klaren Linien. Manche Besucher hielten sie für medizinische Geräte, doch Architektenlegenden wie Oscar Niemeyer und Walter Gropius waren begeistert.
In diese neu ausgerichtete Firma stieß 1955 ein junger Architekt namens Dieter Rams. Zunächst für die Gestaltung der Büros und Showrooms zuständig, wurde er schnell in die Produktentwicklung an der Seite von Gugelot eingebunden. Ihre Zusammenarbeit am SK4 Phonosuper, bekannt als „Schneewittchensarg“ wegen seines transparenten Plexiglasdeckels, wurde 1956 sofort zum Industriestandard. Rams wurde mit 29 Jahren zum Leiter der Designabteilung ernannt.
Apple-Produkte wie der iPod, die Rechner-App und die Weltuhr-App zitieren direkt ikonische Braun-Designs von Rams und seinem Team.
Es ist kaum zu übersehen: Die Apple Design Inspiration aus dem Hause Braun ist allgegenwärtig. Als Apple im Oktober 2001 den ersten iPod herausbrachte, war das weiße Rechteck mit dem kreisförmigen Bedienrad und dem Bildschirm darüber eine Hommage an das tragbare Transistorradio T3 von Braun aus dem Jahr 1958 – ein Entwurf von Dieter Rams. Jonathan Ive, Apples damaliger Chefdesigner, hat diese Ähnlichkeit offen eingeräumt.
Doch der iPod war nur der Anfang. Die ursprüngliche iOS-Rechner-App mit ihren abgerundeten Tasten und dem mattschwarzen Gehäuse ist eine fast direkte Anspielung auf den ET66 Taschenrechner von Dietrich Lubs aus dem Jahr 1987. Die Weltuhr-App in iOS 7 spiegelt die Zifferblätter von Brauns Uhren aus den 1980er Jahren wider, und eine frühere Version der Apple Podcast App orientierte sich am Layout des Braun TG60 Tonbandgeräts von 1963.
Für Steve Jobs und Jonathan Ive war dies kein Zufall. Sie griffen bewusst auf das Vokabular zurück, das Rams, Gugelot, Müller, Weiss und Lubs über 40 Jahre in Frankfurt entwickelt hatten: weißes Plastik, klare Typografie, abgerundete Ecken, versteckte Mechanismen und die Überzeugung, dass Konsumelektronik ernsthafte, sorgfältig gefertigte und langlebige Kulturobjekte sein sollten.
Rams‘ ‚Zehn Prinzipien guten Designs‘ sind zeitlose Richtlinien für nachhaltiges Produktdesign.
Im Jahr 1976 hielt Dieter Rams in New York einen Vortrag, in dem er seine Designphilosophie zu formulieren versuchte. Später fasste er diese in zehn zeitlosen Prinzipien zusammen, die bis heute als Leitfaden für gutes und nachhaltiges Design dienen:
1. Gutes Design ist innovativ.
2. Gutes Design macht ein Produkt nützlich.
3. Gutes Design ist ästhetisch.
4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
5. Gutes Design ist unaufdringlich.
6. Gutes Design ist ehrlich.
7. Gutes Design ist langlebig.
8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.
Diese Prinzipien, insbesondere der letzte Satz, wurden unzählige Male zitiert und sind ein Vermächtnis, das weit über die Produkte von Braun hinauswirkt. Sie zeigen, dass Design mehr ist als nur Formgebung – es ist eine Haltung, ein Anspruch an Qualität und Nachhaltigkeit.
Die Geschichte von Braun zeigt den Wandel von einem Familienunternehmen zu einem internationalen Konzern, dessen Designphilosophie jedoch bis heute nachwirkt.
Das Braun-Logo selbst, mit dem hochgezogenen „A“, wurde bereits 1934 von Vil Münch entworfen und 1935 genehmigt. Es ist eines der am längsten bestehenden Markenwörter im Dauereinsatz weltweit.
Während Rams mit seiner Arbeit Braun berühmt machte, vollzog sich auf der geschäftlichen Seite eine Transformation. 1967 erwarb das amerikanische Unternehmen Gillette für rund 50 Millionen Dollar eine Mehrheitsbeteiligung an Braun, womit die Familienführung endete. Doch das Wunder geschah: Gillette ließ Braun größtenteils in Ruhe. Rams behielt seinen Posten, die Designabteilung ihr Budget, und die Produkte kamen weiterhin auf den Markt. Gillette erkannte den kulturellen Wert der Marke, die mittlerweile in Museen gesammelt und an Designschulen gelehrt wurde.
1995, nach 34 Jahren als Designchef und 40 Jahren im Unternehmen, ging Dieter Rams in den Ruhestand. Spätere Umstrukturierungen, einschließlich der Übernahme durch Procter & Gamble im Jahr 2005, führten dazu, dass einige historische Produktkategorien wie Küchengeräte und Thermometer an andere Unternehmen lizenziert wurden. Was Braun heute unter dem Dach von P&G weiterhin direkt herstellt, ist die Kategorie der Körperpflegeprodukte – eine Sparte, die einst Max Braun mit dem S50 Rasierer begründete.
Das kommerzielle und kulturelle Hoch von Braun fiel zusammen mit der Ära von Rams. Irwin Braun beschrieb die Produkte einmal als „gute Butler“: präsent, wenn nötig, und unsichtbar, wenn nicht. Genau das gelang dem Braun Design: Die Objekte verschwanden im Alltag und erfüllten ihren Zweck so perfekt, dass sie eben dadurch bemerkt wurden – funktional, ehrlich und bis ins kleinste Detail durchdacht.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Dieter Rams und welche Rolle spielte er für Braun?
Dieter Rams war ein deutscher Architekt und Industriedesigner, der ab 1955 bei Braun arbeitete und von 1961 bis 1995 die Designabteilung leitete. Er prägte mit seinen funktionalen und minimalistischen Entwürfen maßgeblich die Designphilosophie von Braun und beeinflusste Generationen von Designern, darunter auch jene bei Apple. Seine „Zehn Prinzipien guten Designs“ sind bis heute weltweit anerkannt.
Wie beeinflusste die HfG Ulm das Braun Design?
Die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm) war entscheidend für die Entwicklung der Designsprache von Braun. Sie lehrte ein systemisches Denken, bei dem Design als disziplinierte, soziale Verantwortung verstanden wurde, nicht als künstlerischer Ausdruck. Durch die Zusammenarbeit mit der HfG Ulm, insbesondere mit Designern wie Hans Gugelot und Otl Aicher, wurde die Grundlage für die klaren, funktionalen und reduzierten Produktformen von Braun gelegt.
Warum sehen viele Apple-Produkte Braun-Geräten so ähnlich?
Jonathan Ive, der ehemalige Chefdesigner von Apple, hat mehrfach öffentlich die Braun-Produkte von Dieter Rams und seinem Team als große Inspirationsquelle genannt. Apple griff bewusst auf die Designmerkmale von Braun zurück, wie das weiße Plastik, die abgerundeten Ecken, die klare Typografie und die minimalistische Gestaltung, um Produkte zu schaffen, die als ernsthafte, sorgfältig gefertigte und langlebige Kulturobjekte wahrgenommen werden sollten. Der iPod, die Rechner-App und die Weltuhr-App sind nur einige Beispiele dieser direkten Zitate.

