Wir alle kennen sie: Diese scheinbar cleveren Anlagestrategien, die uns von Freunden, der Familie oder dem Internet zugerufen werden. Manchmal klingen sie so überzeugend, dass wir gar nicht hinterfragen, ob sie überhaupt noch zeitgemäß sind. Aber mal ehrlich, wie oft entpuppen sich diese „Insider-Tipps“ als nicht mehr als heiße Luft? Es ist an der Zeit, einige dieser Mythen zu entlarven und zu schauen, was wirklich zählt, wenn wir langfristig Vermögen aufbauen wollen.
Viele Leute sind unglaublich selbstbewusst, wenn es ums Investieren geht. Sie teilen Ratschläge aus, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Doch die Wahrheit ist: Vieles davon ist schlichtweg falsch oder zumindest überholt. Wollen wir uns nicht von generischen, oft nutzlosen Ratschlägen blenden lassen, sondern uns auf das konzentrieren, was funktioniert?
Emotionen raus, Fakten rein: Warum Sie nicht in „geliebte“ Unternehmen investieren sollten
Einer der hartnäckigsten Ratschläge lautet: „Investiere in Unternehmen, die du kennst und liebst.“ Klar, das klingt verlockend. Man beginnt vielleicht, indem man Anteile an Marken kauft, die man selbst nutzt und denen man vertraut. Das mag ein guter Einstieg sein, um überhaupt mit dem Investieren anzufangen und die Begeisterung zu wecken.
Doch hier liegt der Haken: Der legendäre Satz von Peter Lynch „Kaufe, was du kennst“ wird oft missinterpretiert. Er meinte eigentlich: Recherchiere, was du kennst, und überlege dann zu kaufen. Nur weil Sie ein Produkt mögen, verstehen Sie noch lange nicht das Geschäftsmodell, die Cashflows oder den langfristigen Erfolgsplan des Unternehmens. Emotionen sind beim Investieren ein schlechter Ratgeber. Ihre Gefühle sind zweifellos an Unternehmen gebunden, die Sie lieben – und genau das führt zu Fehlern.
Was ist die Alternative? Statt einzelne Aktien emotional auszuwählen, setzen viele erfahrene Anleger auf breit gestreute Indexfonds. Der S&P 500 Indexfonds zum Beispiel umfasst die 500 größten US-Unternehmen. Das Beste daran? Er ist „selbstreinigend“. Unternehmen, die schwächeln, fallen heraus, und neue, aufstrebende Firmen rücken nach. So investieren Sie quasi immer in die „Gewinner“ – und das ganz ohne Emotionen.
Einmalanlage oder Sparplan? Die überraschende Wahrheit über große Beträge
Stellen Sie sich vor, Sie haben eine größere Summe Geld zur Verfügung, die Sie investieren möchten – zum Beispiel aus einer Erbschaft oder einem Bonus. Viele würden jetzt raten, das Geld über mehrere Monate oder sogar Jahre gestreut, also per „Dollar-Cost-Averaging“, in den Markt zu investieren. Das fühlt sich sicher an und nimmt den Druck, den perfekten Zeitpunkt zu finden.
Aber Studien zeigen Überraschendes: Eine Untersuchung von Vanguard aus dem Jahr 2012, die jahrzehntelange Daten analysierte, fand heraus, dass die Einmalanlage (Lump-Sum Investing) in zwei Dritteln der Fälle das gestreute Investieren übertroffen hat. Zwar lag der Vorsprung über 10-Jahres-Perioden nur bei durchschnittlich 2,3 Prozent, aber auch das kann sich über die Zeit enorm summieren.
Die Empfehlung lautet daher: Wenn Sie einen Notgroschen auf der Seite haben, bringen Sie das Geld so schnell wie möglich in den Markt. Spekulieren Sie nicht darauf, dass der Markt fallen wird. Er erreicht ständig neue Höchststände, weil er langfristig tendenziell immer steigt. Wer wartet, verpasst möglicherweise wertvolle Gewinne. Ein Sparplan ist großartig, wenn Sie regelmäßig kleinere Beträge investieren möchten. Aber bei einem größeren Batzen Bargeld heißt es: Rein damit!
Jung und mutig: Warum hohes Risiko sich für junge Anleger lohnt
„Investiere basierend auf deiner Risikotoleranz und deinen Zielen“ – das hört man oft. Klar, Selbsterkenntnis ist wichtig. Aber wenn Sie jung sind und einen langen Anlagehorizont vor sich haben, sollten Sie tatsächlich mehr Risiko eingehen. Das ultimative Ziel ist doch, so viel Geld wie möglich zu verdienen, oder? Und niedriges Risiko bedeutet nun mal niedrige Rendite.
Gerade als Anfänger kennt man seine Risikotoleranz oft noch gar nicht wirklich. Die gute Nachricht ist: Sie sollte sehr hoch sein! Ja, in manchen Jahren wird man Verluste sehen, aber historisch gesehen waren die meisten Jahre positiv, oft sogar sehr positiv. Mit einer langfristigen Denkweise und Jugend auf Ihrer Seite haben Sie ausreichend Zeit, holprige Perioden auszusitzen.
Anstatt sich über die perfekte Risikotoleranz oder komplexe Ziele den Kopf zu zerbrechen, konzentrieren Sie sich auf zwei Dinge: Bildung und konsistentes Investieren. Kaufen Sie breit gestreut – am besten alle Aktien oder zumindest die Top 500 Unternehmen – und halten Sie Ihre Emotionen im Zaum. Ihr erstes Ziel sollte es sein, die Grundlagen zu verstehen und dann einfach loszulegen.
Der Markt ist kein Gegner: Warum passive Anlagestrategien die aktiven schlagen
Viele Anlagestrategien zielen darauf ab, den Markt zu schlagen. Man hört Sätze wie „Kaufe billig, verkaufe teuer“ oder „Sei schnell und reagiere auf Nachrichten“. Doch die Realität sieht anders aus: Es geht mehr darum, Qualität zu kaufen und selten zu verkaufen – idealerweise erst im Ruhestand.
Vanguard-Gründer Jack Bogle sagte einst: „Zeit ist dein Freund, Impuls ist dein Feind.“ Das ist der Kern von passivem Investieren in kostengünstige Indexfonds. Rund 80 Prozent der aktiv gemanagten Fonds schaffen es nicht, den Markt langfristig zu schlagen. Niemand kann den Tiefpunkt oder den Höchststand einer Aktie dauerhaft vorhersagen. Punkt. Wer versucht, den Markt zu timen, wird oft lange warten und dabei Gewinne verpassen.
Der Markt steigt langfristig immer an. Deshalb erreicht er ständig neue Höchststände. Nicht zu investieren, weil der Markt gerade „hoch“ ist, ist der eigentliche Fehler. Konzentrieren Sie sich darauf, den Markt einfach abzubilden, anstatt ihn zu schlagen. Entspannter und stressfreier lassen sich so langfristig acht bis zehn Prozent Rendite erzielen, als ständig Nachrichten zu studieren und zu spekulieren.
Ultra-aggressiv investieren: Mehr Aktien, weniger Anleihen (besonders unter 40)
Die klassische Diversifikation lautet oft: Aktien und Anleihen im Gleichgewicht. Doch über lange Zeiträume – und wir reden hier von Jahrzehnten, nicht von Jahren – haben Aktien Anleihen immer übertroffen. Je jünger Sie sind und je mehr Jahrzehnte Sie noch vor sich haben, desto höher sollte Ihr Aktienanteil im Portfolio sein. Das hilft enorm, die Inflation auszugleichen.
Viele erfahrene Anleger sind auch mit Mitte 30 oder Ende 30 noch ultra-aggressiv aufgestellt, was bedeutet, dass ein Großteil (z.B. 98%) ihrer Anlagen in Aktien steckt. Das Pareto-Prinzip, die 80/20-Regel, gilt auch an der Börse: Eine Handvoll der erfolgreichsten Aktien treibt über Jahrzehnte den Großteil der Renditen. Wer aus Angst vor kurzfristigen Schwankungen zu viele Anleihen hält, könnte diese entscheidenden Wachstumsphasen verpassen.
Warren Buffett wird oft zitiert, dass Diversifikation für diejenigen, die wissen, was sie tun, wenig Sinn macht – sie sei ein Schutz gegen Unwissenheit. Das heißt nicht, dass man auf ein oder zwei Aktien setzen soll. Es bedeutet, breit in alle Aktien zu diversifizieren, aber eben nicht unbedingt in Aktien UND Anleihen, wenn der Horizont lang genug ist.
Lernen Sie die Grundlagen, haben Sie eine hohe Risikobereitschaft, bleiben Sie dem Kurs treu, investieren Sie über Jahrzehnte und denken Sie langfristig. Und das Wichtigste: Lassen Sie sich nicht von Emotionen leiten.
Am Ende des Tages führt der Wunsch nach exotischen oder komplizierten Anlagestrategien oft zu Gier, Faulheit oder schlichtweg niedrigeren Renditen. Halten Sie es einfach! Kostengünstige Indexfonds, die den S&P 500 abbilden, sind oft die beste Wahl. Automatisieren Sie Ihre Sparpläne, kümmern Sie sich nicht ständig um die Kurse und nutzen Sie die gewonnene Zeit lieber, um sich weiterzubilden oder andere passive Einkommensströme aufzubauen.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist passives Investieren?
Passives Investieren ist eine Anlagestrategie, bei der man versucht, die Performance eines Marktindex (wie z.B. den S&P 500) nachzubilden, anstatt aktiv zu versuchen, den Markt zu schlagen. Dies geschieht in der Regel durch den Kauf von Indexfonds oder ETFs, die die Zusammensetzung des gewählten Index abbilden. Es erfordert weniger Zeit und Aufwand und ist oft mit geringeren Kosten verbunden.
Warum sollte ich nicht in Unternehmen investieren, die ich liebe?
Das Investieren in „geliebte“ Unternehmen ist oft emotional getrieben. Emotionen können das Urteilsvermögen trüben und dazu führen, dass man Geschäftsmodelle oder Risiken nicht objektiv bewertet. Es ist besser, auf fundierte Recherche zu setzen oder, noch einfacher, in einen breit gestreuten Indexfonds zu investieren, der automatisch in eine Vielzahl von Unternehmen investiert, darunter oft auch solche, die man kennt und schätzt.
Ist eine aggressive Aktienallokation (z.B. 98 % Aktien) für jeden geeignet?
Eine sehr aggressive Aktienallokation mit hohem Aktienanteil ist besonders für junge Anleger mit einem langen Anlagehorizont (mehrere Jahrzehnte) vorteilhaft. Sie ermöglicht höhere Renditechancen, um die Inflation zu schlagen und langfristig finanzielle Freiheit aufzubauen. Mit zunehmendem Alter oder einem kürzeren Anlagehorizont kann es sinnvoll sein, das Portfolio schrittweise anzupassen und einen moderateren Aktienanteil zu wählen, um die Volatilität zu reduzieren.

