Fühlen Sie sich manchmal überfordert, wenn die Emotionen hochkochen – bei Ihren Kindern oder auch bei sich selbst? Viele von uns kennen das Gefühl, wenn Wut, Frustration oder Überforderung überhandnehmen. Dabei ist das Emotionale Regulation lernen eine Fähigkeit, die wir entwickeln können. Es ist keine angeborene Gabe, sondern etwas, das wir, genau wie jede andere Fertigkeit, üben und verbessern können.
Jahrelang wurde uns erzählt, dass Erziehung und der Umgang mit Gefühlen einfach „natürlich“ sind. Doch diese Vorstellung führt oft zu Scham und Isolation, wenn wir feststellen, dass wir damit ringen. Die gute Nachricht ist: Wir können uns aus diesem Kreislauf befreien. Es ist ein Zeichen von Stärke, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen oder bewusst in den Aufbau dieser Fähigkeiten zu investieren.
Wut ist eine gesunde Emotion, die uns wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und Wünsche liefert.
Wut hat oft einen schlechten Ruf, dabei ist sie im Grunde eine gesunde Emotion. Sie ist wie ein Kompass, der uns zeigt, was wir wollen und was wir brauchen. Wer niemals Wut spürt, verliert den Zugang zu wichtigen Informationen über das eigene Selbst und die eigenen Bedürfnisse. Das ist ein trauriger Zustand, denn der Zugang zu Wut bedeutet auch Zugang zum eigenen Selbstwertgefühl.
Das Problem ist nicht die Wut an sich, sondern dass viele von uns nie gelernt haben, konstruktiv mit ihr umzugehen. Stattdessen wurden wir oft weggeschickt oder allein gelassen, was die Wut nur noch verstärkte.
Im Erwachsenenalter können wir lernen, diesen gesunden Zugang zur Wut zurückzugewinnen. Ein gutes Beispiel ist die Überforderung in alltäglichen Situationen, etwa beim Zubettbringen der Kinder. Anstatt passiv-aggressiv zu werden („Es wäre schön, wenn du auch mal früher zu Hause wärst“), können wir die Wut als Signal nutzen. Sie sagt uns: „Ich brauche Unterstützung!“ Der nächste Schritt ist dann, dieses Gefühl zu benennen, ein Bedürfnis zu formulieren und spezifisch zu werden: „Ich fühle mich überfordert mit der Badezeit allein und brauche wirklich mehr Unterstützung. Könntest du mir bitte zwei Abende diese Woche nennen, an denen du bis 17:25 Uhr zu Hause sein kannst?“
So vermeiden wir den „Weg zum Abgrund“ der Eskalation, indem wir frühzeitig aussteigen und unsere Bedürfnisse klar kommunizieren.
Emotionsregulation ist eine erlernbare Fähigkeit, die Kinder durch ‚Ko-Regulation‘ mit ruhigen und präsenten Bezugspersonen entwickeln.
Kinder kommen mit allen Emotionen, aber ohne die Fähigkeiten, sie zu steuern, auf die Welt. Diese Lücke erklärt, warum sowohl Kinder als auch Erwachsene manchmal emotional „ausrasten“. Wenn die Emotionen größer sind als die Fähigkeiten, kommt es zu Dysregulation. Ein klassisches Beispiel ist der Wutanfall, weil das Käsebrot in Dreiecke statt Rechtecke geschnitten wurde – oft der Tropfen, der das Fass der Frustration zum Überlaufen bringt.
Der Übergang von Dysregulation zu Selbstregulation geschieht durch Ko-Regulation. Das bedeutet, Kinder „leihen“ sich die Regulation von ihren Bezugspersonen aus. Ein ruhiger und präsenter Erwachsener, der im Angesicht eines überforderten Kindes die Ruhe bewahrt, überträgt diese Gelassenheit. Durch wiederholte Erfahrungen lernen Kinder, diese Ruhe in sich selbst aufzubauen.
Es ist, als würde sich die Gelassenheit vom Körper des Erwachsenen auf den des Kindes übertragen. Das Schlimmste für ein Kind in einem Moment der Überforderung ist zu sehen, dass auch die Eltern, auf die es sich verlässt, die Kontrolle verlieren. Selbst als Erwachsene brauchen wir noch Ko-Regulation. Ein Gespräch mit Freunden nach einem schlechten Tag, bei dem sie sagen: „Das ist Mist, das kenne ich auch!“, kann uns helfen, uns besser zu fühlen, ohne dass sich die Situation geändert hat. Wir nehmen die Bestätigung und Ruhe der anderen auf.
Echte Grenzen definieren, was *wir selbst* tun werden, und erfordern keine Aktion von der anderen Person.
Der Begriff „Grenzen setzen“ wird oft missverstanden. Viele Eltern sagen: „Mein Kind respektiert meine Grenzen nicht!“, meinen damit aber eigentlich eine Bitte oder Aufforderung. Eine echte Grenze definiert, was wir selbst tun werden, und erfordert von der anderen Person überhaupt keine Handlung.
Stellen Sie sich eine Checkliste mit zwei Punkten vor: Habe ich gesagt, was *ich* tun werde? Und erfordert der Erfolg meiner Grenze, dass die andere Person nichts tun muss? Nur bei zwei Ja-Antworten handelt es sich um eine echte Grenze.
Ein Beispiel: Im Aufzug zu sagen „Drück nicht alle Knöpfe“ ist eine Bitte. Eine Grenze wäre: „Wenn wir in den Aufzug steigen, werde ich mich zwischen dich und die Knöpfe stellen. Und Schatz, selbst wenn du nach den Knöpfen greifen solltest, werde ich dich davon abhalten.“ Hier liegt die Macht bei uns.
Diese Art des Grenzen setzen als Eltern ist nicht nur wirksamer, sondern bewahrt auch die Beziehung. Wenn wir unsere Macht an ein sechsjähriges Kind abtreten und dann wütend werden, weil es unseren „Wunsch“ nicht erfüllt, schadet das der Verbindung. Echte Grenzen geben uns unsere Autorität zurück – eine Autorität ohne Aggression. Wir treffen die Entscheidung, bevor die Frustration zu groß wird, und ermöglichen so, dass unsere Kinder Erfolg haben, ohne dass wir uns auf Konfrontationskurs begeben müssen.
Die AVP-Methode (Anerkennen, Validieren, Erlauben) hilft, Gefühle zu verstehen und zu verarbeiten, indem man sie als real anerkennt und zulässt.
Um mit Gefühlen umgehen zu können, müssen wir sie zuerst überhaupt wahrnehmen. Hier kommt die AVP-Methode ins Spiel: Anerkennen, Validieren, Erlauben.
1. Anerkennen (Acknowledge): Dies bedeutet, dem Gefühl Hallo zu sagen. „Oh, da ist dieses ängstliche Gefühl.“ Sobald wir es benennen können, ist es ein Teil von uns, aber nicht alles von uns. Es ist, als würden wir dem Gefühl auf dem Rücksitz unseres Autos zuwinken, während wir selbst am Steuer sitzen.
2. Validieren (Validate): Das ist der Schritt, sich selbst oder anderen zu sagen, warum das Gefühl Sinn macht. Es bedeutet nicht, dass wir der Gefühlslage zustimmen oder das Verhalten, das daraus resultiert, gutheißen. Wenn ein Kind nicht ins Bett will, können wir sagen: „Ich verstehe. Du wünschst dir, länger aufbleiben zu können. Das ist hart.“ Damit sagen wir: „Ich glaube dir, dass dein Gefühl real ist für dich.“ Validation ist entscheidend, denn ein Kind kann ein Gefühl nur dann lernen zu bewältigen, wenn es die Botschaft erhält, dass dieses Gefühl überhaupt real ist. Gefühle validieren lernen ist also der erste Schritt zur Selbstregulation.
3. Erlauben (Permit): Gib dir selbst die Erlaubnis, das Gefühl zu haben. „Ich erlaube mir, eifersüchtig zu sein.“ Sobald wir das tun, verliert das Gefühl oft seinen starken Griff über uns. Es ist, als würden die Gefühle sagen: „Bitte erlaube uns einfach, da zu sein. Mehr wollen wir gar nicht.“
Diese Methode ist das Gegenteil von Verhätscheln. Verhätscheln begrenzt die Fähigkeiten eines Kindes; AVP fördert sie.
Resilienz wird aufgebaut, indem man Gefühle validiert (‚Ich glaube dir‘) und gleichzeitig an die Fähigkeit zur Bewältigung glaubt (‚Ich glaube an dich‘).
Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern – entsteht aus der Kombination zweier Dinge: „Ich glaube dir“ und „Ich glaube an dich“.
Wenn ein Kind beispielsweise seinen Startplatz in der Fußballmannschaft verliert und nicht zum Training gehen möchte, würde die Validierung („Ich glaube dir“) so klingen: „Ich verstehe. Es ist wirklich hart, seinen Startplatz zu verlieren, und ich würde wahrscheinlich auch am liebsten im Bett bleiben.“
Wenn wir hier aufhören und sagen: „Dann musst du wohl nicht gehen“, dann untergraben wir die Fähigkeit des Kindes, Schwierigkeiten zu überwinden. Das ist kein Verhätscheln, sondern ein Verrat am Potenzial des Kindes. Die andere Extreme, „Stell dich nicht so an, geh zum Training!“, hilft ebenfalls nicht, denn es macht das Kind nur aufsässig.
Der goldene Mittelweg, der Resilienz aufbaut, kombiniert beides: „Ich glaube dir, dass das hart ist, und ich glaube an dich, dass du das schaffen kannst.“ Ein Fuß steht in der Validierung („Ich bin bei dir“), der andere im Potenzial und der Hoffnung („Du bist dazu fähig“).
Unsere moderne Welt, besonders durch Bildschirme, verändert unsere Beziehung zur Frustration drastisch. Kinder erleben kaum noch eine Zeit zwischen Wunsch und Erfüllung, was ihre Frustrationstoleranz Kinder stärken muss. Sie sind es gewohnt, sofort Belohnung und Dopamin zu erhalten. Das macht es schwer, Aufgaben zu lernen, die Anstrengung und Geduld erfordern, wie zum Beispiel Lesen.
Auch wir Erwachsene sind daran gewöhnt, dass Dinge sofort verfügbar sind. Das macht die Unannehmlichkeiten des Elternseins – schreiende Kinder im Supermarkt oder zu Hause – schwerer zu ertragen. Es entsteht ein Teufelskreis: Kinder sind weniger frusttolerant, wir sind weniger tolerant gegenüber ihrem Verhalten, wir geben schneller nach (geben das iPad, Süßigkeiten) und untergraben so ihre Fähigkeit, mit Frustration umzugehen.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir lernen, wieder bewusster auf Wartezeiten zu achten. Eine Busfahrt statt eines Taxis, um dem Kind und uns selbst das Warten beizubringen, kann ein kleiner, aber wichtiger Schritt sein, um unsere eigene Frustrationstoleranz zu erhöhen und damit auch die unserer Kinder. Es geht darum, bewusst Momente zu schaffen, in denen Anstrengung der Belohnung vorausgeht.
—
Häufig gestellte Fragen
Ist Wut nicht immer etwas Schlechtes, das man vermeiden sollte?
Nein, ganz im Gegenteil! Wut ist eine natürliche und gesunde Emotion, die uns wichtige Informationen liefert. Sie zeigt uns, was wir wollen, was wir brauchen und wo unsere Grenzen liegen. Das Problem ist nicht die Wut selbst, sondern der mangelnde Umgang mit ihr. Wenn wir lernen, Wut als Signal zu erkennen und konstruktiv damit umzugehen, können wir unsere Bedürfnisse klar kommunizieren und unser Selbstwertgefühl stärken.
Wie kann ich meinem Kind helfen, seine Emotionen besser zu regulieren?
Kinder lernen Emotionsregulation vor allem durch Ko-Regulation mit ruhigen und präsenten Bezugspersonen. Das bedeutet, dass Sie selbst in Momenten der Überforderung Ihres Kindes Ruhe bewahren und Ihre eigene Gelassenheit „übertragen“. Nutzen Sie die AVP-Methode (Anerkennen, Validieren, Erlauben), um die Gefühle Ihres Kindes als real anzuerkennen. Üben Sie gemeinsam Frustrationstoleranz, indem Sie nicht jede gewünschte Befriedigung sofort erfüllen, und setzen Sie echte, klare Grenzen, die definieren, was *Sie* tun werden.
Verhätschle ich mein Kind, wenn ich seine Gefühle ständig „validiere“?
Nein, das ist ein wichtiger Unterschied! Das Validieren von Gefühlen („Ich glaube dir, dass das weh tut/dass du traurig bist“) ist ein entscheidender Schritt, um Resilienz aufzubauen. Es gibt dem Kind die Botschaft, dass seine inneren Erfahrungen real und wichtig sind. Verhätscheln würde bedeuten, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu begrenzen, indem Sie ihm zum Beispiel schwierige Situationen abnehmen oder ihm immer zustimmen. Resilienz entsteht aus der Kombination von Validierung („Ich glaube dir“) und dem Glauben an die Fähigkeit des Kindes, schwierige Dinge zu meistern („Ich glaube an dich“).

